Ding, Dong!

Geschlossene Türen in Hohenems. Ein kurzer Blick dahinter und man erfährt interessante Geschichten aus dem Leben der Bewohner. Sauerkraut-Duft aus der Wohnung einer türkischen Dame und Spinnen auf einem Kaktus mit Blick auf den Friedhof.


Hohenems ist eine kleine, unscheinbare Stadt im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Mehr als 40% der Bewohner leben in Haushalten mit mindestens einer nicht aus Vorarlberg stammenden Person, also mit migrantischem Hintergrund. Diese bunte Mischung verschiedener Kulturen konnte ich schon am ersten Tag meiner Erkundungen über die Personen in Hohenems feststellen. Ich wollte mehr über die Hohenemser erfahren und eine Innensicht ihres Lebens ergattern. Da in der Stadt, abgesehen vom Verkehr, nur wenig los ist, versuche ich die Gründe der Bewohner herauszufinden, warum sie gerade in Hohenems wohnen und wie sie die Stadt sehen.

Ich bin in großen Wohnanlagen, kleinen Einfamilienhäusern und abgelegenen Bauernhöfen unterwegs. Die erste Tür wird mir von einem älteren türkischen Mann geöffnet, der mich sehr freundlich empfängt und mir eine kleine Führung in seiner Wohnung, die er mit seiner Frau und seinen 3 bereits erwachsenen Kindern teilt, anbietet. In der Wohnung rieche ich frisch gekochtes Gemüse. Die Hausherrin erzählt mir stolz von ihrem vielseitigen Garten und schwärmt von der überreichen Ernte im letzten Herbst.  Die Gastfreundlichkeit und Offenheit des in Jogginganzügen gekleideten  Ehepaars wird mir mit einer Kostprobe von eigens eingelegten Paprikaschoten erneut bestätigt. Diese füllen mir zwar dank ihrer Schärfe die Augen mit Tränen, jedoch lasse ich mir dies nicht anmerken und genieße anschließend noch ein Stück selbstgebackenes Weißbrot.

Als ich die Dame am nächsten Tag zufällig auf der Marktstraße in Hohenems wieder treffe, nimmt sie mich zur Begrüßung in ihren Arm und fragt, wie es bei meiner Erkundung vorwärts gehe. Sie bietet mir an, erneut in ihre Wohnung zu kommen und falls ich noch irgendwelche Fragen an sie hätte, wäre sie allezeit gerne bereit. Sie wünsche mir noch viel Glück und geht weiter. Ich schaue ihr nach und sehe, wie sie gezielt auf ein Geschäft zugeht, bei dem es eine große Auswahl an Blumen- und Gemüsesamen gibt. Ich muss sofort an ihre Ernte für das folgende Jahr denken…

Zwei Türen später, in derselben Wohnanlage,  wird das Geläute der Klingel von lautem Gebell übertönt. Ich habe schon einen Schritt zurückgemacht, als eine junge Frau durch einen Spalt hinter der Tür hervorblickt. Sie versucht ihren kleinen Kläffer mit ihren Füßen zurück zu halten, dieser hopst aber weiterhin nervös hinter ihr herum. Sie entschuldigt sich bei mir, dass sie leider im Moment keine Zeit habe, aber der Hund sei eigentlich ganz ein Lieber.

Als ich ein bisschen durch die Straßen von Hohenems spaziere, komme ich an einem modernen Einfamilienhaus vorbei. Es sieht sehr neu aus, der Parkplatz noch nicht geteert, an den Wänden der Garage fehlt der Verputz. Bevor ich die Klingel betätigen kann, öffnet sich die Tür. Eine dreijährige Blondine grinst mich an und schreit nach ihrer Mutter. Sie sind gerade am Memory-spielen und die Kleine würde voller Stolz gewinnen – so wie immer-, sagt sie. Das Haus haben sie und ihr Mann erst vor einem Jahr gebaut und seien dann von Götzis, einer Nachbargemeinde, nach Hohenems gezogen.  Als die Frau mir erzählt, ihr würde Götzis eigentlich besser gefallen, frage ich sie, weshalb sie denn hierher umgesiedelt sei. „Meine Schwiegermutter wohnt hier“, sie deutet auf das etwas ältere Haus nebenan, „und wir hatten die Möglichkeit auf ihrem Grund zu bauen. Diese Chance mussten wir natürlich nutzen!“ Plötzlich steht der Schwiegervater in der Tür und fragt mich nach meiner Absicht. Ich berichte ihm, dass ich die Hohenemser hinter ihren Türen besuchen möchte um einen Einblick von ihrem Leben zu bekommen. Seine Frau sei gerade krank, aber ich könne gerne mit in die Küche kommen und ein paar Fragen stellen, was ich natürlich nicht ablehne. Als ich das Haus betrete, steht seine Frau vom Sofa im Wohnzimmer auf und begibt sich zu uns an den Tisch. Die Eheleute sind waschechte Hohenemser. „Wir haben beide in Hohenems das Licht der Welt erblickt und wir werden beide hier begraben!“, sagt der Hausherr, dem ich seinen Stolz in den Augen ablesen kann. Sie wollten nie woanders wohnen, abgesehen von der Politik sei an der Stadt nichts zu bemängeln. Nach unserem kurzen Gespräch verabschiede ich mich von den beiden, während der Herr den Kühlschrank öffnet und nach etwas kramt. Er drückt mir ein Joghurtdrink in die Hand, der meine Abwehrkräfte stärken soll, und ein Osterei, damit ich nicht verhungere auf meiner Tour durch Hohenems.

Meine nächste Tür befindet sich wieder in einer Wohnanlage neben dem Friedhof. Ein älterer Herr öffnet mir in Leggins die Tür. Er sei gerade im Wintergarten und würde einen Salat essen. Ich setze mich zu ihm auf seinen kleinen verglasten Balkon mit direktem Blick auf den Friedhof und den Spielplatz daneben, der jedoch zu dieser Jahreszeit ausgestorben ist. Er mag die Ruhe, die er hier hat, aber er genießt auch die Zeit im Sommer, wo die Kinder auf dem Spielplatz herumtoben und der tristen Umgebung wieder Leben einhauchen. Seine Partnerin zog vor 5 Jahren mit ihm von Dornbirn nach Hohenems in diese kleine 3-Zimmer-Wohnung. „Wenn ich wählen könnte, würde ich lieber zurück nach Dornbirn, aber ich habe hier Arbeit gefunden, und da ich kein Auto besitze, war es besser einfach umzuziehen.“, erzählt er mir, während er mit der Gabel in der Hand auf einen Kaktus deutet, auf dem zwei Plastikspinnen sitzen: „Diese kannst du auch fotografieren! Ich sammle Spinnen!“ Als ich die Wohnung wieder verlasse, fällt mir seine Spinnensammlung erst richtig auf. Auf der Kommode im Flur ist eine große Vogelspinne aus Plüsch und am Garderobenständer hängt eine kleinere, braune an einem durchsichtigen Seil.

Mein nächster Weg führte mich zwei Häuser weiter, vor eine sehr liebevoll dekorierte Tür. Unter dem Spion hängen fünf Papier-Hennen, der Größe nach sortiert und mit den Namen der Familie beschriftet. Als ich klingle, tritt ein zurechtgemachter, junger Mann türkischer Herkunft  heraus. Obwohl schon nach 13 Uhr ist, ist er gerade dabei Frühstück für seine Frau und seine drei Kinder vorzubereiten. Der Tisch ist sehr ordentlich gedeckt, mit einem Teller Brot, unterschiedlichen Aufstrichen und einem größeren Teller mit Gurken, Mozzarella und Tomaten in Scheiben geschnitten und farblich angeordnet. Er erzählt mir, dass er bereits seit 25 Jahren in Hohenems wohne und sich hier sehr wohl fühle.  „Meine Kinder sind hier geboren und gehen hier zur Schule, meine Frau hat eine gute Arbeit und all unsere Freunde wohnen hier in der Nähe.“ Aus der Küche rieche ich den Wohlgeruch von frischem, türkischem Kaffee, den er wohl gerade vor meinem Besuch gekocht hatte.

Mein letztes Haus ist ein alter Bauernhof, außerhalb der Stadt in einer ausgedehnten Wiese. Als ich mich dem Anwesen nähere, höre ich das Klirren des Bestecks, die Bewohner essen gerade zu Mittag. Ich warte schweigend ein paar Minuten, um nicht beim Essen zu stören und klingle, nachdem es in der Küche ruhig geworden ist. Eine ältere Dame mit Schürze öffnet mir noch kauend die Tür und empfängt mich sehr nett, irgendwie als ob wir uns kennen würden. Sie erwähnt kurz, dass sie gerade für ihren Sohn und ihren Enkel gekocht habe. Als ich sie um ein Foto von ihr bitte, sagt sie: „Mein Sohn Bernhard wird oft und gerne fotografiert, der soll das machen!“ und ruft ihn zur Tür. Ich werde, wie bei meiner allerersten Tür, ein wenig nervös, als plötzlich Bernhard Amman mit seinem kleinen Sohn vor mir steht. Ich kenne sein Gesicht von den unzähligen Wahlplakaten in Hohenems, bei welchen seine lange Haarpracht oft überdeutlich inszeniert wird. Die Gemeinderatswahlen fanden zwei Tage vor meinem Besuch statt. Auch das Haar seines Sohnes reicht bereits bis zu seinen Schultern. „Ich koche immer für meine Kinder. Ich mag das Zusammensitzen mit meiner Familie an einem Tisch und die Fröhlichkeit, die sie mir schenken“, erzählt mir die Dame, während ihr Enkel um ihre Beine herumtanzt. Ich bedanke mich für unser kurzes Gespräch und verabschiede mich mit einer neuen Geschichte und Erfahrung im Gepäck. So unterschiedlich die Personen sind, eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind freundlich, ehrlich und offen und freuen sich, jemandem behilflich sein zu können. Ich habe viele neue Menschen kennengelernt und auch einiges über Hohenems erfahren. Diese Stadt war mir bis dato sehr fremd. Der erste Eindruck war prüde, leer und grau. Doch wenn man hinter die Fassaden blickt und das Ganze von einem anderen Blickwinkel betrachtet, fallen einem Dinge auf, die normalerweise nicht wahrgenommen werden.

Die komplette Reportage (PDF)

Eine Reportage von Denise Fritz