Blinde Schaufenster

Eine Reportage über geschlossene Geschäfte in Hohenems

Häuser sind Teile unseres Lebens, in denen wir und unserer Vorfahren Spuren hinterlassen. Das gilt nicht nur für Wohnhäuser sondern auch für Geschäftslokale. Diese bilden oft für Generationen einen Fixpunkt in ihrem Leben. Eines Tages kommt das Aus für so manches dieser traditionsreichen Häuser. Heruntergelassene Rollos, hinter Glas errichtete Ziegelmauern, Spinnenweben und Staub zeugen von der trostlosen Gegenwart.

Solchen Situationen bin ich nachgegangen, habe Geschichten dahinter gesucht, Erkundigungen angestellt und ein Stück Vergangenheit hat sich aufgetan. Die Geschäfte sind zwar leer, stecken aber voller Erinnerungen und bringen so für eine kurze Zeit Leben in die von Monotonie geprägte Wirklichkeit.

Unterwegs war ich in Hohenems, einer Stadt inmitten des Vorarlberger Rheintals. Bis vor kurzem hatte ich keine Berührungspunkte zu dieser Kleinstadt, kannte sie nur vom schnellen durchfahren. Jetzt, zu Fuß mit meiner Kamera und meinem Skizzenblock ein Teil dieser Durchzugsstraße zu erkunden, ermöglicht mir eine neue Sichtweise und eine völlig andere Wahrnehmung.

Der dichte Verkehr auf der Durchzugsstraße B190 sorgt für einen hohen, konstanten Geräuschpegel, in diesem unter dem Schlossberg gelegenen Ortsteil. Wenig Fußgänger sind unterwegs, das mag aber auch an der unwirtlichen Wetterlage liegen. Beim Gang entlang der Marktstraße bin ich von der Dichte der aneinander gereihten städtischen Bürgerhäuser recht beeindruckt. Der Kontrast könnte kaum größer sein, als der dieses Verkehrslärms zu den teils geschlossenen Geschäften, die sich der Stille bemächtigt haben. Die Bühnen von damals, welche dem Betrachter noch mit seinen Wünschen konfrontierte, Kunst, Kommerz und Erlebnisse anpriesen, haben sich zurückgezogen an die Peripherie von Hohenems um sich dort in phantasielosen Blech- und Betonkisten breit zu machen.

Diese visuelle Stille gepaart mit einem Hauch von Monotonie fasziniert mich und so begebe ich mich auf die Suche nach dem früheren Wesen dieser ehemaligen Geschäfte. Ich schenke den unbeachteten Glasflächen meine Aufmerksamkeit und fotografiere eines nach dem anderen. Während des Fotografierens werde ich öfters von Neugierigen beobachtet, wie gerade eben von einer alten Frau aus einem höher gelegenem Fenster. Spontan winke ich ihr zu und denke, schade, sie hätte mir sicher einiges zu erzählen. Augenblicke später spricht mich ein Passant an und gibt sich interessiert. Ein Gespräch kommt in Gang. Mit leuchtenden Augen erzählt er mir von der früheren Schneiderei, in welchem er als kleiner Junge seinen ersten maßgeschneiderten Kommunionsanzug bekam. Mit einem Lächeln auf den Lippen, vermutlich noch in den Bildern von damals versunken, spaziert er weiter.

Von der Neugier gepackt ziehe ich entlang der Marktstraße, wo ich auf einen sehr freundlichen, älteren Mann, türkischer Herkunft treffe. Er erzählt mir, dass er schon über dreißig Jahre hier wohnt aber auch von den vielen Geschäften die geschlossen haben. Woran das liegt? Er sieht die Erklärung im Verhalten der Menschen, die Einkaufen heute als Hobby sehen, welchem sie in Einkaufszentren nachgehen.
Dem kalten Winter zu entkommen, aber auch die Sehnsucht nach seiner ehemaligen Heimat zu stillen, verbringt er alljährlich seine Urlaube in der Türkei. Stolz zeigt er mir seinen braunen Bauch von seiner letzen Reise. Er berichtet mir von den fehlenden Einrichtungen für Jugendliche in Hohenems, vom Joggen am Meer und von den modernen Frauen in der Türkei. Nebenbei erfahre ich auch über das Geschäft von Frau Aksoy, dem Aksoy Market, welcher vor kurzem erst geschlossen hat. Ich presse mein Gesicht gegen die Scheibe und blicke in das noch halbeingerichtete Geschäft. Ich kann noch einzelne eingepackte Waren im Regal erkennen, die vergeblich auf Käufer warten. Für das Lokal wird ein neuer Mieter gesucht. Frau Aksoy arbeitet jetzt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in der Änderungsschneiderei.

Auch die damals wunderbar gestalteten, großzügigen Schaufenster des Textilgeschäfts Rüdisser sind Vergangenheit. Anrainern_innen können sich noch gut an den Besitzer, Herrn Rüdisser, und an die liebevoll drapierten Krawatten, Hemden und Hosen erinnern. Er übernahm den Laden von seinen zwei Tanten. Leider ist er vor einigen Jahren gestorben und es gab keine Nachfolger_innen, erzählt mir ein Passant. Allgemein seien viele Hohenemser Geschäfte mangels fehlender Nachfolger_innen geschlossen worden. Ein guter Bekannter von Herrn Rüdisser erzählt mir von den Vormittagen an denen Herr Rüdisser bei einem »Achtele« im Gasthaus Post angetroffen werden konnte.
Im Zuge des Umbaues in ein Mehrfamilienhaus mussten die großen Glasfronten weichen. Teils zerbrochen lagern sie nun im Hinterhof und warten auf Ihren Abtransport. Mit dem neu errichteten rohen Mauerwerk kann sich so manche_r Passant_in nicht wirklich anfreunden. Dennoch erkenne ich die neuen Lebensräume, die damit geschaffen wurden und mit ihnen die Möglichkeit das Haus erneut zu beleben.

Auf der Suche nach weiteren Erinnerungen erfuhr ich u.a. von dem Metzgereigeschäft Fenkart der sein Schlachtvieh im Hinterhof unterbrachte, von der Fleisch und Wurstwarenhandlung Zeller, dem früheren modernen Textilhaus Reis, der ehemaligen Raiffeisenbank im Gasthof Schäfle, von einem Sportgeschäft das nur kurz geöffnet hatte, von einem ehemaligen Installationsbetrieb sowie von einem Staubsauger Fachgeschäft.

Mit Hilfe meiner Gesprächspartner konnte ich so einen Teil von Hohenems neu entdecken. Ich bin beeindruckt von den Erinnerungen, die vor mir ausgebreitet wurden. So erhielt ich einen Einblick hinter die durch Staub immer mehr ins monochrome abgleitenden Glasfassaden.

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Eine Reportage von Angelika Galehr